Interview mit: Gitarre aktuell


Interview mit Johannes Tonio Kreusch
Das Gespräch für die GAK führte Ursula Wichmann

Dieser Mann bewegt viel in der Gitarrenszene. Immer wieder wird er von der Presse gern als Wandere zwischen den musikalischen Welten bezeichnet und präsentiert sich in Konzerten und auf Tonträgern sowohl mit klassischer Konzertliteratur als auch mit eigenen Werken sowie improvisierter Musik. In klassischen Konzertbetrieb hat er sich insbesondere durch seine Auseinandersetzung mit dem Gitarrenwerk von Heitor Villa-Lobos einen Namen gemacht. Seit einigen Jahren betätigt er sich zudem erfolgreich als künstlerischer Leiter des Gitarrenfestivals Herbruck und der Ottobrunner Konzerte. Gitarre Aktuell sprach mit Johannes Tonio Kreusch über seine vielfältige Tätigkeit, seine neueste CD-Veröffentlichung und warum es ihn immer wieder in den Norden zieht.

GAK: Herzlichen Glückwunsch zur neuen CD! Sie ist eine Fortsetzung Deiner intensiven Auseinandersetzung und Quellenforschung zum Gitarrenwerk Heitor Villa-Lobos. Nach Deiner Einspielung der 12 Etüden eröffnest Du die neue CD „Hommage à Villa-Lobos“ mit einer neuen musikalischen Betrachtung der 5 Preludes. Gab es bei der Einstudierung dieser Werke Parallelen zu Deiner damaligen Auseinandersetzung mit den Etüden?

JTK: Nachdem ich vor gut zehn Jahren nach intensiver Auseinandersetzung mit den Villa-Lobos Handschriften den Etüden-Zyklus auf CD eingespielt hatte (Erstveröffentlichung auf der CD „Johannes Tonio Kreusch – Villa-Lobos/Ginastera“ bei Arte Nova, BMG), habe ich mich immer tiefer in die musikalische Welt von Villa-Lobos begeben und meine Forschungsarbeit rund um die Manuskripte intensiviert. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist mein Vortrag „Das Gitarrenwerk von Heitor Villa-Lobos in einem neuen Licht“, den ich in den letzten Jahren u.a. auf Festivals oder an Musikhochschulen präsentiert habe. Aus dieser Arbeit ist dann auch meine aktuelle CD „Hommage à Heitor Villa-Lobos“ entstanden. Die wesentlichen Hintergrundinformationen und Ergebnisse habe ich im CD-Booklet zuammengefasst. Nach der damaligen Aufnahme des Etüdenzyklus war für mich klar, dass ich mich auch mit dem Preludios-Zyklus auseinandersetzen möchte.
Auch bei den Preludios zeigt ein Vergleich der bekannten Ausgaben mit den Manuskripten viele Abweichungen. Weitere interessante Details finden sich z.B. auch auf der von Villa-Lobos selbst gespielten Aufnahme des ersten Preludios. Am stärksten weichen die Manuskripte des fünften Preludios von den veröffentlichten Ausgaben ab. Es finden sich u.a. Taktwechsel, variierte Akkorde, ergänzte Dissonanzen, neue Harmoniewechsel oder auch abgeänderte Passagen. Interessant dabei ist, dass verschiedene Manuskripte desselben Werkes einander nicht gleichen. Villa-Lobos scheint seine Werke immer wieder überarbeitet zu haben. Daraus entstehen für den Interpreten natürlich Fragen: War er auf der Suche nach der letztendlich perfekten Version? Oder wollte er, gleichsam improvisatorisch, seine Werke nicht als statische Kompositionen sehen, sondern immer wieder mit neuen Ideen bereichern? In einem der Manuskripte endet das fünfte Preludio mit einem offenen Schlussakkord mit einem cis im Bass anstatt dem Grundton d. Verweist dieser ungewöhnlich offene Schluss etwa auf ein verlorengegangenes sechstes Preludio, von dem immer wieder berichtet wird und das Villa-Lobos' letzten Zyklus für Solo-Gitarre monumental beendet hätte? Oder spricht daraus der Freigeist, der den Interpreten gleichsam zu einem kreativen Umgang mit dem Notenmaterial ermuntern möchte? Wie auch bei den Etüden, hat mich das Studium der Handschriften inspiriert, mich völlig neu mit diesen Werken auseinanderzusetzen!

GAK: Bei Deiner Quellenforschung bist Du auch auf ein paar unbekannte Werke von Villa-Lobos gestoßen. Glaubst du, dass diese Werke einen festen Platz in den Konzertprogrammen der konzertierenden Gitarristen bekommen werden?

JTK: Das Entdecken und die Rekonstruktion dieser weitgehend unbekannten Stücke war für mich ungemein spannend. Auf der einen Seite handelt es sich hier um das Stück „Simples“, das eine vereinfachte Version des Mazurka-Chôro aus der Suite Populaire Brésilienne darstellt. In den Manuskripten finden sich aber auch Werke, die nichts gemeinsam haben mit den bekannten Werken des Brasilianers. So habe ich z.B. das unvollendete Werk Valsa Concerto No2 , das aus der Feder des 17jährigen Komponisten stammt eingespielt. Dieses Stück galt lange als verloren und wurde erst 1995 von dem brasilianischen Pianisten Amaral Vieira in einem kleinen Buchladen in São Paulo wiederentdeckt. Schon in diesem Frühwerk führt Villa-Lobos Elemente ein, die er in seinen späteren Gitarrenwerken wieder aufgreift. Die Tatsache des fehlenden Schlussteils bedarf einer individuellen Lösung. Ich beschränke mich auf den tatsächlich vorhandenen Notentext und habe mich damit zur Wahrung des fragmentarischen Charakters für einen offenen Schluss entschieden. Mehr eine Skizze als ein Fragment stellt das Stück „Valsa“ dar. Diese Skizze war wohl als Grundstock für ein längeres Werk gedacht. Von er Klangsprache eher an die 12 Etüden angelegt, offenbart das Werk „Valse-Chôro“ neue Klangräume. Dieses Werk war zunächst für die „Suite Populaire Brésilienne“ vorgesehen, musste aber dem eher konservativ klingenden „Valsa-Chôro“ weichen.
Für mich war und ist es ungemein inspirierend, mich mit all´ diesen Werken und den Handschriften auseinanderzusetzen. Ich habe Heitor Villa-Lobos in seiner Vielseitigkeit und seinem Pioniergeist erst dadurch richtig verstanden. Ob auch diese weitgehend unbekannten Werke zum festen Bestandteil des Repertoires werden, wird sich zeigen. Ich persönlich empfinde diese Werke als wichtigen Ergänzung für das Gitarrenwerk von Villa-Lobos. Die Gitarrenwelt darf hoffen, dass vielleicht auch noch weitere bisher verschollene und unveröffentlichte Gitarrenwerke von Villa-Lobos, wie z.B. die achtsätzige Suite Oito dobrados oder Jugendwerke wie Mazurka em Ré Maior und Panqueca, auftauchen!

GAK: Von Villa-Lobos hast du zudem noch einmal die Etüden Nr. 1 und Nr. 11 eingespielt und Dich dabei an die Manuskriptversion von 1928 gehalten. Hat sich Deine Sichtweise auf diese Werke in den vergangen Jahren sehr verändert?

JTK: Wie ich oben schon erwähnt habe, gibt es Quellen, die besagen, dass Heitor Villa-Lobos anstatt nur fünf Preludios eigentlich sechs Preludios komponierte. Da die erste Etude im Manuskript von 1928 mit Prelude überschrieben ist, wollte ich sie in dieser Fassung den fünf Preludios quasi als Ersatz zum fehlenden sechsten Preludio hinzustellen. Was die Etude No 11 angeht, so finde ich eigentlich beide Fassungen stringent. Bei meiner CD-Einspielung der 12 Etudes habe ich alle vorhandenen Handschriften zusammengelegt und für mich die damals sinnvollste Schnittmenge als Grundlage meiner Interpretation verwendet. Als Musiker, der auch von Improvisation geprägt ist, suche ich immer auch nach neuen interpretatorischen Herangehensweisen bzw. Möglichkeiten – auch bei bis ins Detail auskomponierten Werken. Wenn ich heute z.B. den Etüdenzyklus noch einmal einspielen würde, dann würde meine Interpretation sicher wieder anders klingen. Nachdem ich damals den fehlenden Mittelteil der 10ten Etüde mit in meine Interpretation aufgenommen hatte und mich bei der Etüde 11 gegen die Zusatzpassagen entschieden hatte, wollte ich auf meiner aktuellen CD diese Version von 1928 doch noch verewigen. Dieses Beispiel zeigt, dass man in der Auseinandersetzung mit den Quellen individuell zu verschiedenen Lösung bzw. Interpretation finden kann. Die Erforschung der Manuskripte sowie der Hintergründe rund um die Kompositionen liefert wichtige Impulse für die individuelle Interpretation. Diejenige Version wird die „richtige“ sein, die man nach eingehendem Quellenstudium als stringent empfindet und der man mit dem eigenen Spiel Leben einhaucht als sei das Werk im Moment entstanden.

GAK: Die Dir gewidmeten fünf Präludien mit dem Titel „Homenage à Villa-Lobos“ von Tulio Peramo werden sich ganz sicher Ihren Platz im Repertoire erobern. Waren sie Teil der künstlerischen Konzeption der CD oder sind sie unabhängig von diesem Projekt entstanden?

JTK: Es freut mich, dass Du das so siehst! Ich denke auch, dass Tulio mit diesen Preludios wirklich großartige Gitarrenmusik komponiert hat! Seit unserem Kennenlernen im Jahre 1994 hat er eine Vielzahl von Gitarrenwerken für mich komponiert. Darunter finden sich sowohl Kompositionen für Solo-Gitarre, Werke für Gitarre und Kammermusik sowie Konzerte für Gitarre und Orchester. Mit dem großen Erfolg meiner CD „Portraits of Cuba“, auf der ausschließlich Gitarrenkompositionen von Tulio Peramo zu hören sind, habe ich, aber auch andere Gitarristen wie Eliot Fisk oder Antigoni Goni dessen Werke auf internationalen Podien bekannt gemacht. Zu den mir gewidmeten Werken gehören u.a. das Gitarrenkonzert „Tres Imágenes Cubanas“, das ich auf Einladung von Leo Brouwer 1998 auf dem Gitarrenfestival in Havanna uraufgeführt habe, oder der Liedzyklus „Aires de la Tierra“, den ich mit der Mezzosopranistin Nan-Maro Babakhanian 1999 in der New Yorker Carnegie Hall premiert habe. Zusammen mit meiner Frau, der Geigerin Doris Kreusch-Orsan, habe ich 2010 die Suite „Piezas para violin y guitarra“ im Rahmen der Ottobrunner Konzerte und beim Internationalen Gitarrenfestival in Hersbruck aus der Taufe gehoben.
Die „Cinco Preludios Homenaje a Heitor Villa-Lobos“ sind neben der Suite „En Tardes de Lluvia“ das zweite mehrsätzige Werk für Solo-Gitarre, das Tulio mir gewidmet hat. Da sich Tulio – ähnlich wie Villa-Lobos in seinen Werken stark mit der Musik seiner Heimat auseinandersetzt, war es für mich naheliegend, ihn zu bitten für meine aktuelle CD fünf Präludien in Hommage an Villa-Lobos beizutragen. Die 5 Preludios, die ich im Jahre 2006 auf Einladung des Royal Welsh College of Music and Drama und der Cardiff University in Cardiff uraufgeführt habe, sieht Tulio als „Lieder ohne Worte“, die sich an kubanisches Liedgut aus dem 19. und 20. Jahrhundert anlehnen. Als Aufforderung an den Spieler schreibt Tulio, passend auch zu den Preludios von Heitor Villa-Lobos: „Diese Präludien verlangen nach virtuosen Spiel, aber, was noch viel wichtiger ist, nach einer sensiblen Künstlerpersönlichkeit, die fähig ist, alle Nuancen und Details des Ausdrucks, die im Herzen dieser Stücke liegen zu offenbaren. Hier ist kein Platz für rein technisches Spiel!“

GAK: Mit dem Komponisten Tulio Peramo verbindet Dich eine langjährige Zusammenarbeit, die im Jahr 2000 unter anderem die CD „Porträts of Cuba“ hervorbrachte. Gibt es schon Pläne für die nähere Zukunft?

JTK: Mit Tulio Peramo verbindet mich eine sehr kreative Freundschaft. Wir kennen uns nun bald 20 Jahre. In dieser Zeit haben wir viele gemeinsame Projekte realisiert und er hat mir einige wunderbare Werke gewidmet. Es freut mich sehr, dass diese Werke nicht nur in Gitarrenkreisen geschätzt werden, sondern auch das allgemeine Publikum erreichen. Meine CD „Portraits of Cuba“ hatte, wenn man nach Absatzzahlen und Presseresonanz geht, großen Erfolg nicht nur beim Gitarrenpublikum.
Für kommendes Jahr ist eine weitere CD mit seinen Werken geplant. Ich werde zusammen mit meiner Frau u.a. seine uns gewidmete Suite für Gitarre und Geige einspielen. Für mein Festival in Hersbruck hat Tulio als Composer in Residence auch dieses Jahr wieder ein mehrsätziges Ensemblewerk komponiert, das im Rahmen des Festivals uraufgeführt wird. Gerade schreibt Tulio an Orchesterarrangements für die kommende CD, die ich im Moment zusammen mit meinem Bruder Cornelius Claudio Kreusch produziere. Das CD Projekt ist aus unserer Trio Arbeit mit dem Perkussionisten der Paul Simon Band, Jamey Haddad entstanden. Es werden auch tolle Stargäste auf der CD zu hören sein. Gerade haben wir wunderbare Aufnahmen hierfür mit Badi Assad abgeschlossen. Ich freue mich sehr auf diese CD und die damit verbundenen Konzerte und freue mich, dass auch langjährige musikalische Weggefährten, wie eben u.a. Tulio Peramo auf der CD verewigt sein werden.

GAK: Neben Deiner intensiven Tätigkeit als Gitarrist und Dozent bei ungezählten Seminaren und Meisterkursen, bist Du seit einigen Jahren künstlerischer Leiter des Gitarrenfestivals in Hersbruck, welches sich in dieser Zeit von einer eher regionalen Veranstaltung zu den wichtigsten deutschen Gitarrenfestivals entwickelt hat. Worauf führst du diese Entwicklung zurück?

JTK: Es freut mich, dass in den letzten Jahren einige der bedeutendsten Gitarristen wie Pepe Romero, Tommy Emmanuel, David Russell, Eliot Fisk, Leo Brouwer, Alvaro Pierri, LAGQ oder Hopkinson Smith zu uns kamen, aber auch Künstler, die hier quasi entdeckt wurden, wie Yamandu Costa oder ihr Deutschlanddebut gaben wie Carlos Barbosa-Lima.
Eine wichtige Hilfe ist für mich, dass ich auf ein großes Netzwerk zurückgreifen kann. Im Laufe der Jahre habe ich mit vielen bekannten Musikern oder auch Journalisten Freundschaften geschlossen. Als Künstler konzertiere ich auf den Festivals und lerne dort immer wieder Musiker kennen, die ich begeistern kann, nach Hersbruck zu kommen. Die gegenseitige künstlerische und persönliche Wertschätzung hilft dabei natürlich. Ich versuche das Programm immer so zu gestalten, dass hervorragende Vertreter der verschiedensten Genres von Klassik über Flamenco bis Jazz und World Music die große Bandbreite der Gitarre beleuchten. Dabei interessiert es mich besonders auch Musiker einzuladen, denen es gelingt, die Grenzen zu sprengen und neue Klang- und Spielmöglichkeiten mit ihrem unverwechselbaren eigenen Stil aufzuzeigen. Gerade die genreübergreifende Festivalidee aber auch die familiäre und freundschaftliche Atmosphäre überzeugt viele Künstler nach Hersbruck zu kommen und kommt auch beim Publikum an. Es ist mir zudem ein Anliegen, dass die Studenten bzw- alle Workshopteilnehmer auch über den Tellerrand ihres eigenen Musikstils hinausschauen und sich in ihrem Musizieren auch von anderen Stilrichtungen inspirieren zu lassen.
Die Begegnung zwischen Künstlern und Publikum bzw. Festivalteilnehmern liegt mir ebenfalls am Herzen. Die Musiker sollen also nicht abgeschottet in ihren Hotels leben, sondern wirklich unter den Festivalteilnehmern. Man sieht die Musiker in der Stadt, kann sich beim gemeinsamen Mittagessen austauschen und dadurch noch tiefer in die Welt rund um die Gitarre oder Musik eintauchen. Gerade diese familiäre Atmosphäre lieben die Künstler, da sie nicht wie so oft alleine und anonym ohne Austausch die Tage zwischen den Konzerten verbringen.

GAK: Neu hinzugekommen ist nun die Hersbruck Musik Akademie. Was verbirgt sich dahinter?

JTK: In meiner Seminar- und Workshoparbeit habe ich realisiert, dass die Teilnehmer immer häufiger nicht nur gitarristische Fragen auf bestimmte Probleme mitbringen, sondern, dass sich viele eben auch mit u.a. Haltungsproblemen oder Fragen nach richtiger Übeweise etc. konfrontiert sehen. Aus dieser Erkenntnis entstand die Idee, das Festival zu erweitern. Dieses Jahr wird daher unter dem Titel „Hersbruck Musik Akademie (HMA)“ neben Gitarrenkursen auch ein zusätzliches intensives Seminar- bzw. Weiterbildungsprogramm für alle Musikinteressierten – also nicht nur für Gitarristen - angeboten. International bekannte Dozenten beleuchten in Vorträgen, Workshops und Seminaren neueste wissenschaftliche und pädagogische Erkenntnisse im Bereich der Musikwissenschaft, der Musikpsychologie, Musikmedizin oder Musizierpraxis. Seminarthemen sind u.a. „Musikerkrankheiten wie Fokale Dystonie vermeiden oder heilen“, „Umgang und Linderung von Auftrittsängsten“, „Richtig Üben“ oder „Aufführungspraxis von Alter und neuer Musik“ oder „Improvisation für Klassiker“.

GAK: Empfindest Du das Veranstaltungsprofil als abgerundet oder siehst Du noch Entwicklungspotential?

JTK: Ich bin ein Mensch, der immer nach neuen Ideen und Realisationsmöglichkeiten sucht. Deshalb versuche ich auch in meiner Festivalarbeit immer wieder neue Schwerpunkte zu setzen. Auch wenn Stars meist ein volles Haus garantieren, merke ich doch, dass die Konzerte beim Publikum länger in Erinnerung bleiben, in denen ein Künstler nicht nur das bekannte Repertoire spielt, sondern auch nach Neuem sucht. Wie beispielsweise in der bildenden Kunst, sollte auch jeder Musiker nach seiner eigenen unverwechselbaren Stimme suchen und nicht als Epigone nur ausgetretenen Pfade folgen. Kunst oder Musik kann Menschen tief berühren, wenn sie nach neuen Horizonten sucht. Und danach möcht ich auch im Rahmen meiner Tätigkeit als künstlerischer Leiter ebenfalls suchen.

GAK: Mit deinem Bruder, dem international renommierten Jazz-Pianisten Cornelius Claudio Kreusch, bist Du zudem künstlerischer Leiter der Ottobrunner Konzerte. Welchen Schwerpunkt setzt Ihr bei dieser Veranstaltungsreihe?

JTK: Ich realisiere mit meinem Bruder Cornelius Claudio auch beruflich viele gemeinsame Projekte. Wir haben ein gemeinsames Crossover Projekt, einen Verlag zusammen und kuratieren die Ottobrunner Konzerte bei München. Cornelius produziert auch die meisten meiner CDs. Gerade hat er die Duo-Aufnahmen produziert, die ich zusammen mit Andy York für dessen neue CD aufgenommen habe. Für unsere Tätigkeit als Künstlerische Leiter der Ottobrunner Konzerte (siehe www.ottobrunner-konzerte.com) haben wir gerade den Tassilo-Preis der Süddeutschen Zeitung als Ehrung für unseren Kulurarbeit im Münchner Umland verliehen bekommen.
Es freut uns natürlich, dass unser Konzept so positiv aufgenommen wird. Die Idee hinter der Konzertreihe ist, außergewöhnliche Konzerte mit herausragenden Interpreten zwischen Klassik und Jazz zu veranstalten. Zusätzlich zu den Konzerten gibt es Meet the Artists Gespräche im Anschluss zu jeder Veranstaltung, sowie Meisterkurse und Workshops und seit diesem Jahr sogar Aufnahmeprüfungen für das Berklee College of Music. Wir greifen dafür nicht typische Tourprogramme ab, sondern gestalten jeden Abend so, dass es immer etwas Ungewöhnliches zu erleben gibt. Wir bitten beispielsweise Komponisten um Auftragskompositionen oder realisieren ungewöhnliche Programmzusammenstellungen. So haben wir z.B. einmal Bachs Goldbergvariationen gespielt von Alfredo Perl mit einem Improvisationspart des Jazz-Piano Meisters Joachim Kühn konfrontiert.
Es gibt zudem für jedes der Konzerte ein eigenes aufwendig gestaltetes Stagedesign. Auch wenn wir schon großartige Gitarristen wie Manuel Barrueco, Pepe Romero, Ralph Towner, Badi Assad oder Alvaro Pierri bei uns begrüßen durften, ist diese Konzertreihe keine Gitarrenreihe. Wir bekommen aber für unsere Gitarrenkonzerte ein ganz neues Publikum, da sich die Besucher der Konzerte mit Künstler wie The Hilliard Ensemble, Klaus Doldinger oder Hanna Schygulla oft auch Karten für die Gitarrenkonzerte kaufen, auch wenn sie sonst eher nicht auf ein Gitarrenkonzert gehen würden.

GAK: Im Norden Deutschlands bist du insbesondere durch Auftritte und Kurse im Rahmen der Hamburger Gitarrentage und des Hamburger Gitarrenfestivals bekannt. In einem Bericht über das 4. Hamburger Gitarrenfestival wurdest Du ja sogar als „Artist in Residence“ bezeichnet. Stimmt es, dass Du „Mitschuld“ an der Entstehung der Hamburger Gitarrentage trägst?

JTK: Es ehrt mich, dass ich im Jahr 2003 der erste Interpret der Hamburger Gitarrentage – damals noch mit einem Konzert an der Hamburger Musikhochschule - war und ich seither mit dem 2004 hinzugekommenen Hamburger Festival und den Gitarrentagen eng verbunden bin. Seitdem bin ich ja fast jedes Jahr für ein Konzert oder Kurs in Hamburg. Ich fand es damals toll, dass man so experimentierfreudig war und mich nicht mit einem klassischen Programm gebucht hat, sondern mein Solo-Programm mit eigener Musik wollte. Es war damals mein erstes Konzert, in dem ich ausschließlich eigene Musik gespielt habe und damit auch ein Grundstein für eine neue musikalische Richtung für mich. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich das Festival und die Gitarrentage zu einem der wichtigsten gitarristischen Events in Deutschland und darüber hinaus entwickelt haben. Die Arbeit von GitarreHamburg.de zeigt, dass sich langfristiger Erfolg doch nur dann einstellt, wenn man auch experimentierfreudig und offen für Neues ist!

GAK: Wann und wie wird man Dich in Norddeutschland in nächster Zukunft erleben können?

JTK: Vom 26.10. - 28.10.2012 werde ich wieder beim Hamburger Gitarrenfestival dabei sein. Im kommenden Jahr werde ich dann zum zehnjährigen Jubiläum der Hamburger Gitarrentage am 12.4.2013, fast auf den Tag genau zehn Jahre nach meinem ersten Konzert in Hamburg ein Konzert in der Laiszhalle geben und am Tag danach einen Workshop abhalten. Ich werde bei diesem Konzert einen Querschnitt aus meinen Programmen und Projekten der letzten zehn Jahren präsentieren mit denen ich u.a. immer wieder in Hamburg zu Gast war. Dabei werde ich sowohl eigene Musik spielen, als auch einen Ausschnitt aus meinem Villa-Lobos Programm und Musik von Tulio Peramo. Zudem wird es eine Uraufführung geben und einen Duo Part mit meiner Frau Doris Kreusch-Orsan. Das Konzert wird also auch für mich ein Rückblick auf einen sehr intensiven künstlerischen Lebensabschnitt sein mit vielen wunderbaren Erlebnissen auch in Hamburg!

GAK: Die größte Veränderung in Deinem Leben in jüngster Zeit war sicher die Geburt Deines Sohnes...

JTK: Das stimmt! Als vor 1,5 Jahren unser Sohn Elia Emanuel auf die Welt gekommen ist, konnte ich mir noch nicht wirklich vorstellen, was es heißt Kinder zu haben. Jetzt kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie das Leben ohne unseren kleinen Sohn wäre. Und ich denke, dass das auch musikalisch mein Spiel beeinflusst.

GAK: Zum Schluss noch eine ganz andere Frage, Du spielst seit einigen Jahren eine Gitarre von Fritz Ober. Was schätzt Du besonders an diesem Instrument?

JTK: Die Gitarren von Fritz Ober entsprechen absolut meinem Klangideal. Er hat eine sehr künstlerische Herangehensweise in der Art, wie er jede seiner Gitarren baut. Fritz lässt sich von der Tradition um Hauser und Torres inspirieren und schafft mit diesem Wissen und seiner eigenen Ästhetik moderne Gitarren, die ungemein klangschön mit vielen Klangnuancen und -farben sind. Mir gefällt, dass seine Gitarren sich wunderbar modulieren lassen und dass sie gleichzeitig klanglich eine Kraft entwickeln, die große Konzertsäle füllen kann. Auf meiner aktuellen CD „Hommage à Villa-Lobos“ kann man dies nachhören. Hier spiele ich eine Ahorn Gitarre von Fritz Ober.

GAK: Herzlichen Dank für dieses Gespräch und weiterhin viel Erfolg mit den zahlreichen Projekten!

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