Interview mit: Concertino


Musik muß sich immer dieses "aus dem Moment Gestaltete" bewahren

Bernhard Furtner im Gespräch mit dem Gitarristen Johannes Tonio Kreusch

Bernhard Furtner: Beim Anhören Deiner CDs und bei Deinen Konzertbesuchen könnte man schnell zu dem Ergebnis gelangen: Hier wandelt ein Musiker zwischen Zeiten, Kulturen und Räumen. Wo siehst Du mittlerweile Deinen Schwerpunkt: In der Repertoire-Pflege oder in der Improvisation?

Johannes Tonio Kreusch: Ich sehe mich in erster Linie als klassischer Musiker. Mir ist es aber seit je her ein Anliegen, neben der Interpretation von komponierter Musik auch eigene Musik zu spielen. Ich denke, dass es auch für die Interpretation von klassischer Musik hilfreich sein kann, wenn man Erfahrungen in Improvisation sammelt. Bei der Auseinandersetzung mit einer Komposition ist ja auch ein grosses Maß an Eigenkreativität und Phantasie gefragt, um dem Werk wirklich auf den Grund gehen zu können. Ich versuche - ähnlich wie in der Improvisation - an ein Werk immer so heranzugehen, als wäre es das erste Mal - auch wenn ich das Stück schon oft gespielt habe. Dieses ständige Suchen bzw. Fragestellen macht ja auch die Improvisation aus.
In früheren Epochen war Improvisation immer ein wichtiger Bestandteil der Musizierkunst. Das hat sich heute leider verloren. Ich denke, dass sich jede Musik dieses "aus dem Moment Gestaltete" bewahren sollte. Das dürfen wir in Zeiten der maschinellen Reproduzierbarkeit und der totalen Medienpräsenz nie vergessen.
Es geht nicht darum von einem Musiker eine standartisierte, allzeit abrufbare Interpretation und ein Höchstmaß an Perfektion zu verlangen, sondern vielmehr Tiefe und eine wirklich gegründete Aussage.

B.F.: Die Siddhartha-Improvisationen scheinen eine neue Bewusstseinsebene zu erreichen. Statt komplizierte Notentexte zu verarbeiten lässt Du Deine Musik sehr inspirativ einfach hervorquellen. Hat der Roman von Hermann Hesse dabei eine Rolle gespielt?

J.T.K.: Natürlich hat mich Hesses Roman bei dieser Musik beeinflusst. Dabei ist es mir nicht wichtig gewesen, den Roman musikalisch nachzuerzählen, sondern vielmehr die Essenz und die verschiedenen Seelenstimmungen zu erfassen. Bei "Siddhartha" hat mich nicht die Idee der östlichen Philosophie angeregt oder interessiert, sondern die im Roman dargestellte Tatsache, dass man auf seinem Entwicklungsweg immer wieder seine eigenen, oft festgefahrenen Überzeugungen und Lebensentwürfe hinterfragen und ändern muß, damit man wirklich in der eigenen Entwicklung weiterkommt.
Philosophische Themen haben mich immer auch musikalisch inspiriert. Wahrscheinlich hat mich da mein Philosophiestudium mitgeprägt. Meine letzte CD, die ich im Duo zusammen mit dem Trompeter Markus Stockhausen aufgenommen habe, trägt ja auch einen philosophischen Titel: Heraklits Ausspruch "panta rhei", was soviel wie "alles fliesst" bedeutet. Für mich ist es immer eine Hilfe für meine künstlerische Entwicklung gewesen, mich auch geistig ideellen Themen zu widmen. Die Musik bzw. Kunst bieten ja auch Grenzerfahrungen, die uns mit einer Welt jenseits des Materiellen konfrontieren und uns die Türe in eine andere Welt einen Spalt öffnen - in die Welt jenseits des Materiellen. Und ich denke, das macht auch das Musizieren aus: dass man wegkommt von dem allzu materiellen, sportlichen Denken in Richtung: "Schneller ! Besser ! Perfekter !..."

B.F.: Ist in Deinem neuen Soloprogramm alles reine Improvisation oder sind die Stücke abgegrenzt und genau konzipiert, so dass sie gegebenenfalls auch nachgespielt werden könnten?

J.T.K.: Wenn ich meine improvisatorischen Soloprogramme spiele, dann musiziere ich nicht alles ganz spontan aus dem Moment heraus. Ich bereite mich sehr genau vor und erarbeite mir für jedes einzelne Stück bestimmte Motive oder Harmonieabläufe, die den Rahmen für die Improvisationen bilden. Ich verwende meist sehr unterschiedliche Gitarrenstimmungen und auch Präparationen wie Stifte, Büroklammern oder Ringe, die ich zwischen die Saite stecke. Dies ermöglicht mir neue Klangräume zu entdecken und die Gitarre oft wie ein anderes Instrument - z. B. wie ein kleines Gamelanorchester, eine Cora oder eine Koto - klingen zu lassen. In meinem neuen Soloprogramm verwende ich kein einziges Mal die herkömmliche Gitarrenstimmung. Damit ich mich noch auf dem Instrument zurecht finde, muss ich mich natürlich sehr intensiv mit diesen Stimmungen auseinandersetzen und mich kompositorisch vorbereiten. Deshalb sehe ich meine Musik eigentlich angesiedelt zwischen Improvisation und Komposition.

B.F.: Wäre es überhaupt in Deinem Sinn oder angebracht, Improvisationen nachzuahmen? Oder könnten Deine Stücke eher Anregung für Gitarristen sein, selbst schöpferisch tätig zu werden.

J.T.K.: Egal ob ich Musik interpretiere, ob ich improvisiere oder komponiere, ich versuche immer eigenkreativ und eigenschöpferisch an die Musik heranzugehen. Das möchte ich auch unbedingt meinen eigenen Schülern vermitteln. Wenn das meine improvisatorische Arbeit auch dem Publikum vermitteln kann, dann wäre ich sehr zufrieden.

B.F.: Welche Rolle spielt die Harmonielehre? Ist sie zwingend notwendig oder dient sie nur als Stütze, auf die man zurückgreifen kann?

J.T.K.: Ich denke schon, dass es sehr wichtig ist, sich musikalisch so gut wie möglich immer weiter fortzubilden. Dazu gehört natürlich auch ein breites Wissen im Bereich der Musiktheorie. Je mehr man von den Hintergründen weiß und kennt, je mehr man durchdrungen und erlebt hat, wie die großen Meister komponiert und gewirkt haben, desto weiter wird man mit seiner eigenen Arbeit kommen.

B.F.: Du hattest Deine musikalische Ausbildung am Mozarteum. Hast Du dort die entscheidenden Impulse für Deine gitarristische Laufbahn erhalten oder liegen sie in Deiner musikalischen Familie begründet?

J.T.K.: Die Studienzeit bei Eliot Fisk und Joaquin Clerch am Salzburger Mozarteum, aber auch meine Zeit bei Sharon Isbin an der New Yorker Juilliard School waren sehr wichtige Lehrjahre für mich. Ich habe dort grundlegende Dinge gelernt. Natürlich bin auch sehr dankbar, dass ich einen familiären Hintergrund hatte, in dem das Musikalische schon früh gepflegt wurde.
Der zentrale Impuls zu Hause war stets: Musik ist etwas Wichtiges und keine Nebensache, sondern gehört genauso zum alltäglichen Leben wie Schule, Beruf oder andere Pflichten. Bei uns zu Hause wurde immer sehr viel musiziert. Dabei wurde immer ein spielerischer Umgang mit der Musik gepflegt, der eher von der Initiative zu Eigenkreativität geprägt war als von Leistung und Druck.
Als Lehrende müssen wir uns immer der Verantwortung bewusst sein, dass wir durch die Musik den Kindern und Jugendlichen - und natürlich auch den Erwachsenen - mehr mitgeben können, als die Beherrschung eines Instrumentes. Im Vordergrund muss vielmehr stehen, dass im Schüler die eigene Phantasie geweckt wird, dass er einen Sinn für das Schöne entwickelt und menschliche Erfahrungen der Gemeinsamkeit machen darf, die nicht von materiellen Zusammenhängen geprägt sind. Als Lehrer sollten wir Impulse dazu setzen, dass unsere Schüler ihre Liebe zur Musik entdecken und ihr Leben lang aktiv am Musikleben teilnehmen.

B.F.: Deinen Bruder Cornelius kennt man als großen Jazzpianisten. Spielst du oft mit ihm zusammen und sind neue gemeinsame Projekte geplant?

J.T.K.: Wir spielen immer wieder miteinander, sei es bei Produktionen im Studio oder live auf der Bühne. Wir haben gemeinsam ein Trio, mit welchem wir viele Konzerte gegeben haben. Es ist für kommenden Herbst wieder etwas geplant.

B.F.: Bei aller "Inspiración" - so der Titel einer Deiner CDs - auch Deine Repertoire-Stücke von Barrios bis Rodrigo klingen äußerst inspiriert und zugleich abgeklärt. Gehst Du mit einer bestimmten Klangvorstellung an die Erarbeitung eines Werkes oder versuchst Du, den Komponisten nahe zu kommen?

J.T.K.: Vielen Dank für das Lob. Wenn ich mich das erste Mal einem Stück mit meiner eigenen Interpretation nähere, dann versuche ich so wenig wie möglich schon mit irgendeiner vorgefertigten Meinung heranzugehen. Dazu gehört z. B. auch, dass ich keine Aufnahmen von dem Stück höre und auch keine Interpretation als Grundlage nehme. Wichtig ist mir aber soviel Quellenstudium wie möglich zu betreiben und wenn möglich, auch die Handschriften der Kompositionen einzusehen. Auch möchte ich wissen, unter welchen Umständen der Komponist z.B. das Werk komponiert hat, wie es musikgeschichtlich einzuordnen ist, was der Titel bedeutet usw. - Und dann lasse ich mich von der Musik leiten.

B.F.: Auf Deiner Villa-Lobos-CD greifst Du auf die Urtexte zurück. Man hört einige interessante Varianten von bekannten Versionen. Geht es Dir allgemein darum, an Quellenmaterial zu kommen?

J.T.K.: Ich denke, dass es sehr nützlich ist für eine gegründete Interpretation, soviel wie möglich über das jeweilige Werk in Erfahrung zu bringen. Durch die Nachforschungen stößt man oft auf Dinge, die ungeahnte Horizonte eröffnen und neue Betrachtungsweisen zulassen. So ging es mir eben mit den Villa-Lobos Etüden. Diesen großartigen Zyklus kennt man ja durch unzählige CD-Einspielungen und Konzertinterpretationen. Ich hatte aber irgendwie das Gefühl, dass in dieser Musik noch mehr steckt als die bekannten Interpretationen meist präsentiert haben. Deshalb war es für mich wie eine Offenbarung, das Manuskript der Etüden studieren zu können. Endlich hatte ich einen Beweis, dass es Villa-Lobos nicht vornehmlich um Virtuosenstücke ging, durch die der Interpret seine Technik zur Schau stellen sollte und anhand deren er virtuos brillieren kann. Die vielen agogischen, dynamischen und musikalischen Hinweise - die leider bei der gedruckten Fassung häufig weggefallen sind - zeigen, dass es sich hier vielmehr um Musik handelt, die neben den technischen Anforderungen besonders das musikalische Element in den Vordergrund stellt. Auch die vielen Fehler im Notentext, wie falsche Akkorde, falsche Töne oder Auslassungen von ganzen Notenseiten konnte ich durch das Studium der Handschrift endlich für mich deutlich machen. Villa-Lobos hatte eine unglaublich klare Schrift und hat auch die Fingersätze genauestens ausnotiert. Er kannte die Gitarre sehr genau. Ich verstehe deshalb nicht, weshalb dem Verlag beim Druck bei jeder Etüde gravierende Fehler unterlaufen sind.
Durch die Manuskripte kommt endlich Klarheit in den Notentext. Für mich ist dieses Werk dadurchviel schlüssiger und bedeutsamer geworden. Das zeigt, wie wichtig es ist, immer zurück zu den Quellen zu gehen, bevor man ein Stück spielen möchte. Durch das Quellenstudium kann man mit dem Komponisten wie in einen Dialog treten und der Musik dadurch besser gerecht werden. Mich freut natürlich sehr, dass ich für meine Einspielung der Villa-Lobos Etüden in letzter Zeit Auszeichnungen erhalten habe und dass die Aufnahme vor kurzem z. B. von der französischen Zeitung Classica Repertoire als die neue Referenzaufnahme seit der Aufnahme von Julian Bream bezeichnet wurde. Denn als die CD herausgekommen ist, da habe ich oft unverständige Reaktionen auf meine Einspielung bekommen, da vielleicht erwartet wurde, dass - wie so oft - besonders das virtuose Element im Vordergrund stehen müsste.

B.F.: Welche Rolle spielt für Dich die Alte Musik? Hast Du die großen Entdeckungen von "Bach und Co." schon hinter Dir oder noch vor Dir?

J.T.K.: Ich beschäftige mich sehr mit Renaissance- und Barockmusik. Natürlich spielt da Bach eine große Rolle. Ich arbeite gerade an meinen Transkriptionen seiner Lautenwerke. Ich habe die Bearbeitungen zum Teil in Fachzeitschriften wie Akustik Gitarre oder dem Classical Guitar Magazin veröffentlicht. Der neuesten Ausgabe der New Yorker Zeitung Guitar Review wird auch eine CD beiliegen, auf der ich u. a. Ausschnitte aus meinen Bach Transkriptionen spiele.

B.F.: Reizen Dich Transkriptionen, beispielsweise von Cembalo-Suiten?

J.T.K.: Transkriptionen reizen mich sehr. Viele große Meister haben ja bekanntlich nicht für die Gitarre geschrieben. Durch das Transkribieren von Werken dieser Meister kann man sich diese Werke für die Gitarre zugänglich machen. Ich transkribiere beispielsweise viel Kammermusik. Ich habe u.a. ein festes Duo mit dem amerikanischen Tenor Anthony Dean Griffey von der Metropolitan Opera in New York oder auch mit meiner Frau, der Geigerin Doris Kreusch-Orsan. Für das Duo mit Anthony habe ich viele Lieder u.a. von Copland, Niles, Dowland, Schubert oder auch amerikanische Spirituals bearbeitet. Mit meiner Frau spiele ich gerade ein Programm mit Bach-Sonaten über Schubert und Mozart Sonaten bis zu spanischen Tänzen von Granados. Das bedeutet natürlich viel Transkriptions- und Umschreibearbeit.

B.F.: Wie steht es mit dem Jazz. Hast Du in dieser Richtung etwas geplant? Welchen Stellenwert hat für Dich als Improvisator mit klassischem Hintergrund der Jazz?

J.T.K.: Meine eigenen Improvisationen würde ich nicht als Jazz bezeichnen. Ich habe zwar immer sehr viel Jazz gehört und auch durch meinen Bruder viel Kontakt zu Jazz-Musiker gehabt - besonders in New York - und auch mit einigen dieser Musiker gespielt, aber mit meiner eigenen Musik habe ich immer andere Wege gesucht. Ich sehe meine Musik eher zwischen Klassik und Weltmusik angesiedelt.

B.F.: Eine englische Fachzeitschrift hat Dich zum führenden deutschen Gitarristen erklärt. Wie kam es dazu?

J.T.K.: Ich hatte ein Konzert in der Carnegie Hall im Oktober 2004 und bekam eine schöne Kritik in der New York Times. Daraufhin hatte die Gitarrenzeitung "Classical Guitar" ein Coverinterview mit mir gemacht. Das ehrt mich natürlich.

B.F.: Du hast einige Zeit in den USA gelebt und dabei auch in der Carnegie-Hall Erfolge gefeiert. Könntest Du Dir vorstellen, Deine Karriere jenseits des großen Teichs fortzusetzen? Oder entspricht dir die europäische Kulturlandschaft mehr?

J.T.K.: Ich habe eine sehr intensive Studienzeit an der Juilliard School in New York gehabt und danach auch noch eine Weile in den USA gelebt. Auch heute spiele ich noch recht viel dort und gebe Kurse an den verschiedensten Universitäten. Früher dachte ich, dass ich in den USA leben möchte. Heute - natürlich auch aufgrund der politischen Situation in den USA - kann ich mir nicht mehr vorstellen, dort zu leben.

B.F.: Wie sieht es mit Deinen Auftrittsmöglichkeiten aus? Wirst Du ausreichend von Konzertveranstaltern und Kulturämtern engagiert?

J.T.K.: Ich bin zur Zeit viel unterwegs im In- und Ausland mit den verschiedensten Programmen. Aber ich muß sagen, dass ich irgendwie sesshafter geworden bin und mir nicht mehr vorstellen kann, z.B. mehrere Wochen in Lateinamerika oder den USA unterwegs zu sein.

B.F.: Beinahe hätten wir es vergessen: Tulio Peramo. Mit der Veröffentlichung seiner Kompositionen hast Du ja eine echte Pionierleistung vollbracht. Die Werke solo, mit Mezzo-Sopran und mit Streichquartett sind eine echte, vielleicht noch nicht gebührend bekannte Bereicherung der Konzertliteratur. Wie kam es zu den Kontakten zu dem kubanischen Komponisten? Bestehen die Kontakte weiter?

J.T.K.: Tulio und ich sind sehr gut befreundet. Wir haben uns kennengelernt, als ich vor gut 10 Jahren beim Gitarrenfestival in Havanna aufgetreten bin. Daraufhin wurde ich mehrmals wieder nach Havanna eingeladen und habe seine beiden Gitarrenkonzerte mit dem dortigen National-Symphony-Orchestra uraufgeführt. Im Laufe der Zeit hat mir Tulio dann immer wieder neue Werke für Gitarre geschrieben, die auf meiner CD "Portraits of Cuba" zu hören sind. Seine Noten sind in meinem Verlag KreuschBrosPublishing erschienen und können über kreuschbros(at)johannestoniokreusch.com bestellt werden. Gerade arbeite ich auch an einer Sammlung von Tulios Solo-Gitarrenwerken, die bei dem amerikanischen Verlag Mel Bay erscheinen soll.

B.F.: Ist noch mehr von Tulio Peramo zu erwarten?

J.T.K.: Tulio hat mir gerade einen Zyklus von 5 Preludien geschrieben, den ich auf Einladung der Universität in Cardiff im Oktober 2006 uraufführen werde. Ich bat ihn, diesen Zyklus zu schreiben, da ich im selben Konzert die Manuskriptversion der Villa-Lobos Preludien spielen werde. Ich fragte Tulio, ob er sich vorstellen könnte einen Preludien-Zyklus zu komponieren, der durch die Villa-Lobos Preludien inspiriert ist. Vor ein paar Tagen habe ich die Noten erhalten und bin sehr begeistert von diesen Stücken.
Die Manuskripte der Villa-Lobos Preludien weichen übrigens in einigen Punkten ebenfalls von den bekannten Druckausgaben ab. Es ist wirklich spannend, dass sich bei so bekannten Werken noch so viel Neues entdecken läßt!

B.F.: Noch eine pädagogische Frage: Welchen Rat würdest Du jungen Gitarristen geben? Wie sollen sie üben? Wieviel Übezeit ist empfehlenswert?

J.T.K.: Das ist eine sehr schwierige Frage, da sie nur individuell beantwortbar ist. Jeder benötigt unterschiedlich lange, um ans Ziel zu kommen. Ich denke, dass es aber sehr wichtig ist, sich bewusst zu machen, dass man sich nicht nur einseitig zum - entschuldige bitte das Wort - "Fachidioten"- ausbilden lassen darf. Es ist sehr wichtig, dass man sich umfassend bildet und dass man Interesse und Empathie entwickelt für das, was um einen herum und in der Welt passiert. Dadurch wird man auch künstlerisch weiterkommen. Betrachtet man die heutige Weltlage, dann muß man erkennen, dass es nicht sein kann, dass man nur in seinem goldenen Käfig sitzt und sich seiner Kunst hingibt. Im Gegenteil: es ist wichtig, sich zu engagieren! Auf dass unsere Welt wieder eine bessere wird. Mir ist z.B. die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ein großes Vorbild. Sie setzt ihren künstlerischen Erfolg dafür ein, um jetzt ihre Stimme zu erheben gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt und um die fatalen Folgen von Globalisierung und der weltweit korrupte Politik aufzuzeigen.

B.F.: Wie siehst Du momentan den Stellenwert der Gitarre gegenüber anderen Instrumenten? Sind die Ausbildungsmöglichkeiten ausreichend und wird genügend für den Nachwuchs getan?

J.T.K.: Ich denke, dass die Entwicklung der Gitarre wirklich sehr positiv ist. Es gibt eine Unmenge von großartigen Spielern und einen tollen Nachwuchs. Was mir aber Sorgen bereitet ist die generelle Ausbildung der jungen Musiker. Das Musikstudium ist doch sehr einseitig. Als Musikstudent sitzt man oft stundenlang allein in seiner Übekammer und versucht sein Spiel zu perfektionieren. Die wenigen Nebenfächer werden meist zudem noch als unnötiger Ballast angesehen. Es fehlt im Studium aber eine wirkliche Vorbereitung auf die Realität des Berufs als Musiker und eine umfassend Allgemeinbildung, die einem Anregungen gibt, sich auch persönlich weiterzuentwickeln. Als Musiker ist man Vermittler von Botschaften - und diese Botschaften sollten nicht durchtränkt sein von Selbstdarstellungen oder Egoismus.

B.F.: Vielen Dank für das Gespräch

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