Interview mit: Akustik Gitarre


Kreativ
Von Harald Wittig

Die LeserInnen von AKUSTIK GITARRE schätzen ihn als Workshop – Autor. In der Gitarrenwelt spricht man voller Hochachtung von Johannes Tonio Kreusch (*1970), einem der vielseitigsten und kreativsten Konzertgitarristen der jungen Generation.
Sein klangsinnliches, feines Spiel wird von Fachleuten weltweit geschätzt. Seine Einspielung der 12 Etüden von Heitor Villa-Lobos setzte neue Maßstäbe in klanglicher und interpretatorischer Hinsicht. Mit der Welturaufführung zahlreicher Werke des Kubaners Tulio Peramo leistete er einen wertvollen Beitrag zur Repertoireerweiterung. Dabei erschöpft sich seine Kreativität nicht im Interpretieren fremder Vorlagen. Gleichermaßen befasst er sich mit einer Kunst, der klassische Musiker üblicherweise ausweichen: Der Improvisation. Kreusch ist auch als Komponist aktiv, außerdem als gefragter Lehrer, unter anderem an der Münchener Universität. In allen Schaffensbereichen erweist er sich stets als im besten Sinne eigenkreativ. Grund genug, den Künstler in einem ausführlichen Gespräch selbst zu Wort kommen zu lassen.

Harald Wittig: Du kommst aus einem sehr musikalischen Haus, oder?

J.T. Kreusch: Meine Mutter ist Pianistin und auch alle meine Geschwister haben sich ebenfalls in künstlerischen Berufen wiedergefunden. Wahrscheinlich war es dann nur folgerichtig, dass ich später auch eine Musikerin geheiratet habe. Bei uns zu Hause war das Musizieren aber nie mit Leistung oder Druck verbunden. Wir haben im Gegenteil eigentlich immer viel mit Musik experimentiert, die verschiedensten Instrumente gespielt und viel miteinander improvisiert und musiziert. Mein erstes Instrument war das Klavier, später spielte ich Klarinette und Saxophon.

H.W. Wie kamst du dann zur Gitarre?

J.T. Kreusch: Wir hatten zu Hause eine alte Gitarre, auf der unsere Mutter sich immer begleitete als sie mit uns Kinderlieder gesungen hatte. Ich erinnere mich noch gut, als ich mit zehn oder elf Jahren vorübergehend gar keine Lust mehr hatte ein Instrument zu spielen und in den Instrumentalunterricht zu gehen. Als ich das meinen Eltern mitteilen wollte, fiel mein Blick auf die Gitarre und ich wusste: Wenn ich Gitarrespielen lernen würde , würde ich weiter Musik machen.

H.W. Bevor die Musik dein Beruf wurde, hast du Philosophie studiert. Inwieweit hat dies deinen Zugang zur Musik oder zur Kunst im Allgemeinen beeinflusst?

J.T. Kreusch: Nach den vielen Jahren in der Schule wollte ich endlich etwas studieren, was mich auch ideell ganz stark begeistern könnte. So bin ich bei der Philosophie gelandet. Es ist meiner Meinung nach gar nicht so abwegig, dass man sich besonders auch als Musiker oder Künstler zu philosophischem Gedankengut hingezogen fühlt, da die Musik und Kunst Grenzerfahrungen bieten, die uns mit einer Welt jenseits des Materiellen konfrontiert. Wenn er musiziere, sei er Gott am nächsten, hat der Dirigent Sergiu Celibidache einmal gesagt. In der Tat sind es gerade die Künste, die dem Menschen die Türe in diese andere Welt einen Spalt öffnen - in die Welt jenseits des Materiellen: Da erlebt man plötzlich im gemeinsamen Musizieren oder im gemeinsamen Lauschen eines Konzertes dieses gemeinschaftliche Verbunden-Sein. Da erfährt man die heilende Kraft schöner Formen oder Klänge, wenn unvermutet tiefe Übereinkunft mit dem Gehörten oder Betrachteten entsteht. Da wird man von einem Gedanken beflügelt, von einer erhebenden Idee getragen.

H.W. Man darf dich als Entdecker des kubanischen Komponisten Tulio Peramo bezeichnen. Zumindest in der Gitarrenwelt kannte ihn vor deinem Album „Portraits of Cuba“ wohl niemand. Könntest du die Empfindungen, die du bei seiner Musik hast, beschreiben?

J.T. Kreusch: Die Gitarrenmusik von Tulio Peramo ist sehr facettenreich und intensiv. Es bleibt mir ein Rätsel, wie ein Komponist, der als Opernsänger angefangen hat und selbst nie das Gitarrenspiel erlernt hat, so perfekt für die Gitarre komponieren kann. Tulio hat mit seinen Werken für Gitarre, sei es für Solo-Gitarre, für Gitarre und Gesang, seinen Gitarrenkonzerten oder den vielen anderen Stücke für Gitarre und Kammermusik wirklich substantielle Beiträge für das Konzertrepertoire unseres Instrumentes geschaffen. Es hat mich deshalb sehr gefreut, dass „Portraits of Cuba“ so erfolgreich gewesen ist und seine Musik bekannt gemacht hat. Gerade hat Tulio eine Gitarrenduo Suite für Antigoni Goni und mich geschrieben, außerdem komponiert er fünf Präludien, die von den fünf Villa-Lobos-Präludien inspiriert sind. Beide Zyklen möchte ich demnächst zusammen im Konzert vorstellen.

H.W. Stellt Musik aus Latein- und Mittelamerika einen Schwerpunkt deines Repertoires dar?

J.T. Kreusch: Es ist nicht mein einziges Anliegen, solche Musik zu spielen. Ich spiele ebenso gerne europäische Renaissance- oder Barockmusik oder moderne Musik europäischer oder nordamerikanischer Komponisten. Auch versuche ich durch Transkriptionen bekannter Werke, wie zum Beispiel von Schubert, Mozart und Debussy, das Gitarrenrepertoire zu erweitern. Meine letzten CDs spiegeln in der Tat aber eher die lateinamerikanische Richtung wieder.

H.W. Deine Einspielung der Villa-Lobos-Etüden ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Zum einen ist es meines Wissens die einzige Aufnahme der Etüden nach den Originalmanuskripten; zum anderen spielst du sie auf eine Weise, die eher den impressionistischen und spätromantischen Gehalt dieser Musik unterstreicht. Kannst du ein wenig zum Entstehungshintergrund der Aufnahme erzählen und welche Erfahrungen grundlegend waren, die Etüden auf diese Weise zu präsentieren?

J.T. Kreusch: Meiner Aufnahme und Interpretation der Etüden liegen zwei Manuskripte von Villa-Lobos zu Grunde, die für mich wie eine Offenbarung gewesen sind. Inzwischen weiß man, dass die Ungenauigkeiten der Verleger dazu geführt haben, dass in den Ausgaben viele falsche Noten zu finden sind. Es sind sogar ganze Manuskriptseiten unter den Tisch gefallen. Zudem wurden Villa–Lobos´ Fingersätze, wie auch viele Spielanweisungen zu Agogik und Dynamik unberücksichtigt gelassen. Aber gerade letztere sind elementar wichtig für die Interpretation eines Musikstückes. Es ist, als könne man mit den Komponisten durch das Studium seiner Hinweise in einen Dialog über seine Musik treten, um dieser besser gerecht zu werden. Spielt man die Etüden nach der Handschrift, dann klingen sie ganz anders als gewohnt: Nicht so streng etüdenhaft, dafür musikalisch reicher, differenzierter. Es war mir ein Anliegen die Etüden mit der Sonate von Alberto Ginastera auf einer CD vorzustellen, da diese beiden Werke zu den Grundpfeilern der modernen Gitarrenliteratur aus Lateinamerika gehören. In diesen Stücken, die ein tiefes und unmittelbares Bekenntnis zur Kultur und Geschichte Lateinamerikas spüren lassen, ist es beiden Komponisten gelungen, die Tradition in fruchtbaren Kontrast mit neuen Ideen und Klängen der modernen Welt zu bringen. So sind sowohl die Etüden als auch die Sonate in Europa entstanden. Dieses Zusammentreffen zweier verschiedenartiger Kulturen, dieses Flimmern zwischen vermeintlich großen Gegensätzen und dieses Verschmelzen der oft stark vom Intellekt geprägten europäischen Avantgarde-Musik mit der aus archaischer Ursprünglichkeit entstandenen Musik der Ureinwohner Lateinamerikas bildet den Ausgangspunkt des Schaffens beider Komponisten. Besonders deutlich wird dies in deren Werken für Gitarre.

H.W. Gibt es für die Zukunft noch ein ähnliches Projekt?

J.T. Kreusch: Ich arbeite gerade an einem Projekt mit den 5 Preludes von Villa-Lobos. Auch hier habe ich die Handschriften studiert und ebenfalls einige interessante Abweichungen zu den Druckausgaben feststellen können. Neben den Präludien habe ich zudem noch zwei unvollendete Stücke von Villa-Lobos entdeckt, die Tulio Peramo auf meine Bitte hin vollenden wird. Diese werden mit seinen fünf Präludien im Geiste von Villa-Lobos in meinem nächsten klassischen Solo-Programm zu hören sein.

H.W. Du beschäftigst dich in deinem aktuellen Programm auch mit Improvisation...

J.T. Kreusch: Mir ist es immer wichtig, experimentell an Musik heranzugehen und damit auch neue Wege der Interpretation zu beschreiten. Ich habe nun - nach vielen Jahren der Auseinandersetzung mit klassischer Gitarrenliteratur - das Bedürfnis empfunden, mich mehr in Richtung Eigenkreativität und Improvisation zu orientieren. Klassische Musik wird heutzutage oft als etwas Starres gesehen, was man nicht berühren oder verändern darf, obwohl Improvisation in früheren Epochen immer ein wichtiger Bestandteil auch der klassischen Musizierkunst gewesen ist. Besonders in Zeiten der maschinellen Reproduzierbarkeit dürfen wir nie vergessen, dass sich Musik immer etwas Lebendiges, aus dem Moment Geschöpftes bewahren muss. Ein bloßes Abspielen von Mustern und Gelerntem führt nicht wirklich zum Ziel. Und das möchte ich mit meinem neuen Programm vermitteln.

H.W. War die CD „Panta Rhei“ der erste Schritt in diese Richtung?

J.T. Kreusch:  „Panta rhei“, wo ich zusammen mit dem Trompeter Markus Stockhausen spiele und improvisiere, war nicht der erste Schritt in diese Richtung, sondern einer von vielen: Ich habe auch ein Trio-Projekt zusammen mit meinem Bruder, der Jazz-Pianist ist. Und es gibt ein neues Solo-Projekt von mir mit ausschließlich eigenen Stücken. Es handelt sich dabei um Musik zwischen Komposition und Improvisation. Durch ungewöhnliche Stimmungen des Instrumentes und unkonventionelles Spiel mit Präparationen auf der Gitarre versuche ich, meine klassische Gitarre einmal in eine indische Sitar, das andere Mal in eine Tabla oder afrikanische Cora oder arabische Laute zu verwandeln. Die Musik, die auch auf meiner aktuellen CD zu hören ist, soll eine Art Klangreise durch die verschiedensten Kulturen sein und einladen, sich ebenfalls suchend auf den Weg zu begeben.

H.W. Wenn Du improvisierst – ist das Improvisation im Jazzsinne?

J.T. Kreusch: Ich würde mich nicht als Jazz-Musiker im eigentlichen Sinne bezeichnen. Meine Wurzeln liegen schon stark in der klassischen Musik. Aber so wie es in der klassischen Musik immer auch Improvisation gab, so empfinde ich es als notwendig, immer suchend und eigenkreativ an die Musik heranzugehen. Egal ob man nun als Interpret tätig ist, ein Stück transkribiert, arrangiert oder komponiert. Was meine eigenen Improvisationen angeht, so entwickle ich diese aus vorher erarbeitetem kompositorischem Material, das ich dann im Moment frei weiterentwickle. Der Ausdruck ‚panta rhei’, also ‚alles fließt’, beschreibt eigentlich sehr schön diesen Prozess: Aus festgelegtem kompositorischen Material entwickeln sich fließend aus dem Moment heraus neue musikalische Ideen ständig weiter. Wie ein Fluss, der immer in Bewegung ist.

H.W. Du unterrichtest auch. Wie sieht hier deine Herangehensweise aus?

J.T. Kreusch: Ich sehe mit Skepsis auf eine Entwicklung besonders in der akademischen Musikausbildung, welche die jungen Studenten immer stärker in die Richtung von technischer Perfektion und einseitigen Leistungsdruck drängt. Ein Musiker sollte im Konzert am besten dasselbe bringen, wie auf einer unter Studiobedingungen produzierten CD. Dem gilt es sich entgegenzustellen! Wie in so vielen Bereichen unserer Gesellschaft, hat auch in der Musik die industrielle Vermarktung und Standardisierung längst Einzug gehalten. Individuelles wird nur vor dem Hintergrund der totalen Selbstdarstellung akzeptiert.
Instrument bedeutet soviel wie ‚Hilfsmittel, Werkzeug’. Mir ist es wichtig, meinen Schülern zu vermitteln, dass die Gitarre also auch ein Hilfsmitte, beziehungsweise Medium sein sollte, durch das sie musikalisch in Austausch mit sich und der Welt treten können. Dabei sollte man als Lehrer - neben allgemein-musikalischem Wissen - besonders auch ein Bewusstsein für eine unverkrampfte und möglichst natürliche Körperlichkeit im Spiel vermitteln. Man sollte den Schüler anregen, sich eigenkreativ mit den musikalischen Ideen auseinander zu setzen; ihm Impulse zur Entdeckung der eigenen ursprünglichen musikalischen Ausdruckskraft geben - damit er wirklich frei mit diesem ‚Werkzeug’ umgehen und gestalten kann. Sokrates hat einmal gesagt: ‚Lernen heißt sich erinnern’. Der Schüler soll sich idealerweise erinnern, dass er den richtigen Weg aus eigener Kraft finden kann, wenn er von sich aus sein Tun hinterfragt. Im alten Griechenland war ein Pädagoge derjenige, der seine Schutzbefohlenen zur Schule begleitet hatte. So verstehe ich den Lehrer als denjenigen, der den Schüler nicht mit Verboten und Zwang, sondern durch Beispiel und die richtigen Impulse auf seinem eigenen Weg begleitet.

H.W. Ist denn die Musikpädagogik ein Bereich, in den Du noch tiefer einsteigen möchtest?

J.T. Kreusch: Um ehrlich zu sein, sehe ich in der Musikpädagogik mehr und mehr meine eigentliche Hauptaufgabe. Viele Studien der letzten Zeit haben beispielsweise gezeigt, dass musizierende Jugendliche sich leichter tun, ein gegründetes Selbstwertgefühl und Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln. Mit der Musik kann man jungen Leuten mehr mitgeben als die Beherrschung bestimmter Fertigkeiten: einen Sinn für das Schöne, ein Gefühl für das, was schützenswert ist; und Erfahrungen der Gemeinsamkeit, die jenseits von materiellen Dingen liegen. Wir haben eine wichtige Aufgabe.

H.W. Vielen Dank für dieses Gespräch!

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